ÜBER DIE TÄTIGKEITEN EINES WOHNPSYCHOLOGEN

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWas machen Wohnpsychologen und
was ist Wohnpsychologie eigentlich?

Wohnpsychologie hat ihre Wurzeln in verschiedenen Teilbereichen
der Psychologie, wie der Umwelt-, Entwicklungs-, Sozial-,
Wahrnehmungspsychologie sowie der Physiologie und den
Neurowissenschaften (Gehirnforschung). Sie schlägt jedoch auch
eine Brücke zu jenen Fachgebieten, die mit Planen, Bauen und
Gestalten zu tun haben, wie Architektur, Innenraumgestaltung,
Städtebau und Siedlungswesen. Lebensnähe trotz Wissenschaft.
Trotz ihrer wissenschaftlichen Komplexität stehen in der
Wohnpsychologie sehr lebensnahe Themen im Mittelpunkt,
beispielsweise: Welche Kriterien müssen gebaute Lebensräume
erfüllen, um im besten Sinne als menschengerecht bezeichnet
werden zu können? Oder: Wie wirken Räume, Gebäude und
Umfeld auf den Menschen – auf sein Erleben und Verhalten,
seine persönliche Entwicklung und seine sozialen Beziehungen? usw.

In praktischer Hinsicht stehen zwei weitere Fragen im Mittelpunkt:OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Erstens: Wie lässt sich die menschliche Qualität von Wohnobjekten
erkennen? Entgegen so manch herkömmlicher Meinung ist es
mittlerweile durchaus möglich, auf wissenschaftlicher Basis die Potentiale
und Defizite eines Objektes detailliert zu analysieren – auch
bereits bei Planungen. Und schließlich die Hauptfrage: Wie kann die
Wohnqualität erhöht werden – ohne den Kostenrahmen sprengen zu müssen?
Hier geht es dann um die Definition konkreter und wirksamer Maßnahmen.
Damit wäre auch das Betätigungsfeld eines Wohnpsychologen
grob umrissen: neben Beratungen für Bauherrn, Wohnende und
Planende, wäre dies vor allem die wissenschaftlich fundierte Analyse,
die Entwicklung von Optimierungskonzepten, sowie die Mitwirkung
bei Planungs- und Gestaltungskonzepten für Wohnungen,
Gebäude oder ganzen Siedlungen.

In der Wohnpsychologie geht es demnach nicht nur um ein paar
Wohlfühlthemen, sondern um die menschliche Existenz insgesamt.
Es geht beispielsweise um die Wirkung der Vielzahl an Stimuli (Sinnesreize)
aus der Wohnumwelt, die permanent über unsere Sinne
auf uns einwirken. Diese beeinflussen nicht nur unsere aktuelle Befindlichkeit,
sondern unser gesamtes neuronales und kognitives System (Nervensystem
und Gehirn) und damit unser Fühlen, Denken und Handeln,
unsere Konzentrationsfähigkeit, Motivation und vieles mehr.

Außerdem hat das menschliche Zusammenleben – das Miteinander,
Gegeneinander oder Nebeneinander einen großen Stellenwert.
Die baulich räumlichen Gegebenheiten können Konflikte
entschärfen oder diese geradezu vorprogrammieren. Sie können
Beziehungen fallweise fördern oder untergraben, negativ oder positiv
beeinflussen. Eine wichtige Rolle spielt auch die therapeutische und regenerative
Ebene. Wohnumwelten können einen erholsamen Effekt ausüben
oder Stress erzeugen. Lebensräume können Heilungsprozesse unterstützen
oder auch den Menschen krank machen.
Im Prinzip gibt es kaum eine menschliche oder zwischenmenschliche
Ebene, die nicht von unserem unmittelbaren Lebensraum
(Wohnung, Gebäude und Umfeld) beeinflusst werden würde.
Die gesammelten Erkenntnisse der Wohnpsychologie können dazu
beitragen, menschengerechte Lebensräume (innen wie außen) zu
verwirklichen sowie etwaige Mängel, Defizite und Beeinträchtigungen
zu erkennen und zu vermeiden.

Was ist Wohnpsychologie NICHT ?
Wohnpsychologie ist nicht Feng Shui (oder Vastu etc.).
Das neuzeitliche Feng Shui (oder Neo-Feng-Shui) zeigt sich meist
in Form einer Ansammlung von Konzepten und Ratschlägen, deren
Herkunft oft kaum ausgemacht werden kann und daher nicht
selten fragwürdig erscheint. Dies heißt jedoch nicht, dass alles, was
unter Feng-Shui veröffentlicht wird, falsch oder ungültig wäre, aber
die einzelnen Aussagen müssten erst einer kritischen Überprüfung
unterzogen werden, um sie guten Gewissens weiter empfehlen zu
können. Seriöse objektivierte Studien größeren Umfangs fehlen
leider bis dato – in der Wohnpsychologie bilden solche Studien hingegen
die Basis.

Wohnpsychologie ist keine Persönlichkeitsanalyse …
… beispielsweise gemäß dem Leitsatz „Zeige mir, wie du wohnst
und ich sage dir, wer du bist.“ Dies ist ein hochspekulativer Ansatz.
Kaum ein/e seriöse/r Wohnpsychologe/in würde es wagen, bloß
auf Basis von ein paar gestalterischen Elementen oder räumlichen
Aspekten umfassende Rückschlüsse auf die Persönlichkeitsstruktur
oder gar auf die mentale Verfassung der jeweiligen Person zu
ziehen. Wohnräume spiegeln in der Regel lediglich Teilaspekte der
Persönlichkeit wider. Wohnpsychologie formuliert keine pseudowissenschaftlichen
Konzepte und macht keinen metaphysischen Hokuspokus. Die
Konzepte und Empfehlungen der Wohnpsychologie basieren auf
seriösen wissenschaftlichen Forschungsergebnissen. Spekulative
Hypothesen bleiben unberücksichtigt, solange es nicht gelingt, deren
Gültigkeit zu bestätigen.

Bedeutung für die Baupraxis
In der Bau- und Planungspraxis dient die Wohnpsychologie im
Prinzip der Verbesserung der Lebensqualität von Menschen in gebauten
Umwelten. Wollte man eine Wohnung, ein Gebäude oder
eine Siedlung als Produkt betrachten, so wäre die angewandte
Wohnpsychologie ein Mittel, um unter den jeweils vorgegebenen
finanziellen und örtlichen Rahmenbedingungen die bestmögliche
Produktqualität (=Lebensqualität) für die Bewohner zu generieren.

Text & Fotos: DI Dr. Harald Deinsberger-Deinsweger (Wohnpsychologe
& Baubiologe IBO), Franziskanerplatz 10 / II, A-8010 Graz

http://www.wohnspektrum.at